Draußen tauen
W-Männer
Acht an der Zahl

Ein Dicker
Papa-W-Mann
Fast ganz Matsch

Drei Kleine
Wo sommers
Das Trampolin stand

Mamas Schmuck tropft
Aus den Astgabeln
W-Mama

Schwarze Äste
Schwarze Stämme
W-Mama

Verdunstet unter
Dem Cremehimmel
Das Knochenmark oder

Mich drinnen im
Bett kennt
Ab morgen oder

Eines Tages oh der
Tag wird kommen
Bloß noch

Die Polizei
Acht Beamte finden
Meine Kinder

Im Matsch
Der Schnee schmilzt
Täglich Schnee

Eines Tages schmilzt
Das gigabyteweise Weiß
Um ihre Leiber

Das Zarte
Führt Klage die
Strafe folgt.

Zuerst hatten wir die Altersgrenze nicht beachtet, aber nun besahen wir sie uns von nahem, denn wenn man glauben durfte, was das Navi sagte, stand zumindest ich direkt dahinter.

Ich drehte mich um.

Eher Steppe als Wüste. Etwas Grünes, Gelbes, Graubeiges im Braun.

Der Horizont war da, tat aber wenig zur Sache. Es gab einen Himmel, es gab eine Erde. So weit wie gewohnt.

Der Junge wandte mir den Rücken zu. Sein Rücken glich der Kruste eines Vollkornbrötchens. Er war von Körnern übersät, von dunklen, hellen, leinsamen-, kürbis- oder sonnenblumenkernartigen Gewächsen. Es begann auf den Schulterblättern, setzte sich seitlich bis unter die Achseln, abwärts bis unter den Hosenbund fort. Sogar der Po: borkig.

Beim ersten Fingerspitzenkontakt fiel gleich ein Kern ab, und als ich die Finger, wie unter Zwang, tiefer hineingrub, die Rinde kraulte wie einen Nackenflaum, schuppten sie zu Dutzenden, bröckelten, rieselten. Der ganze Rücken brach auf, bis ich mit einemmal ein Stück davon, klumpig und warm, in der Faust hielt. Nackter Daumendruck zerrieb die Masse. Im Inneren des Lochs, das mein Reflex gegraben hatte, kam nichts zum Vorschein als weitere Körner – keine Knochen und keine Organe; nur Brot.

Beherzigenswert her mit dem Wert 300
Arbeitslose weniger mein Rat wegwerfen
Dreihundert einzelne Vereinbarungen ununter
Schrieben gibt dreihundert Urteile separat
Zugestellt von sehr, sehr unterschiedlicher
Wirkung
Wirkung
Wirkung
297x Wirkung

Im Regen

Warum es das gab
Die neben mir
Den Steg neben mir

Weswegen Gretchen
Die Welt da
Draußen die Welt

Inwiefern Sex denn
Die am Bein
Gesten abwischten

Zu welchem Ende
Die Gerichteten
Die Geretteten was

Freitodbreitengrad Quadrat
Hier hier hier bis
Wir es doch tun, Max
Meine Freunde und
Deine Freunde in deinem
Traum oder in meinem
Seminarraum. Ecken-
Rechnenwettbewerbe, seit der
Zweiten Klasse und du:
Worin bist du zurückgefallen?
Worin ähnelst du den Vielen,
Weniger Begehrenswerten als du?

Haar hatte sie lang wie eine Käferkühlerhaube
Und das ist ab jetzt
Von heut an herrscht das Messer
Ich übergieße diese Ehe mit Benzin
Geld reicht bis Ende
April vielleicht Mai vielleicht schneiden
Irgendwelche Sätze irgendwelche
Erwartungslinien irgendeines
Entscheidungsträgers der sagt:
Nehmen wir den!
Teilen wir seine wahnsinnshaarige
Fremdartige Ehefrau unter uns auf
Schaut wie sie brennen die beiden
Er auf Arbeit sie auf Zeit.

Arschfotzenseife weit
Weg, weit, weit weg
Meine Freiheit.
Eine Reihe
Frauen, ein paar Jungen
Drunter, die mich sich
Vorzogen: Deren
Selbst-
Wie man heutzutage sagt:
Wertgefühl
An den Zehenklippen meines Oberlippenlächelns
Zerschellte. Deren Motive:
Nicht einmal Schaum
Auf der Haut jetzt
Erwin Wurm’s Beauty Business at Bass Museum of Art

Ich wurde nicht entdeckt
Ich lebe

Den Dienstag
In dir oder mir

Wie oft ich gesprochen
Habe (zuletzt…?)

Vor wenigen so schlecht
Wie manche/r

Entdeckte. Vorworte
Kennen mich als Dritten

Listen nicht einmal
Unter ihresgleichen. Kein

Stellvertreterposten
Frei

Verletzbarkeit wäre
Ein denkbares Antragsthema

Ersetzbarkeit oder
Geld.

Innerhalb der Admiralität
Spät, sehr
Wenig Respekt gegen fern-
Her Segelnde, dem Leben
Durch Wellen, weniger durch Wind
Angepasste: sie
Mitten da zwischen masthohen Brechern im Tal
Meine langhaarige Nachbarin im Geiste;
Ich am
Kamm, langsam
Schräg
Längs
Gleitend
Spätabend-
Sonnen-
Geblendet /
Gewärmt.

Da war ein Morgen, als Mama aus dem Schnee kam und wir Liebe machten.

Ich fror nachher.

Ihre Nagelspitze kratzte schwach am Oberarm die Haut bei mir. Über die Gänsehaut witzelte sie und knickte den Kopf zurück und schlief ein.

Es dauerte, eine halbe Stunde vielleicht, ehe ich wagte, die Türen zum Garten zu schließen. Mama schnarchte. In den stillen Phasen klafften die Risse des Make-ups am Hals auseinander, Fleisch zeigte sein Noppenrosa zwischen dem Weiß, und manchmal, wenn die ausgefransten Kanten der Schminkschicht wieder zusammenstießen und nicht mehr passten, brach etwas ab, rieselte es, verschwand.

An einem anderen solchen Tag missbrauchte ich eine Feder, um den weißen Puder aus der Ritze herauszubefördern. Ich pusselte mich damit unter der Nase, panisch, wollte mit aller Kraft nicht niesen, sie nicht wecken. Später leckte ich den Kreidestaub ab.

„Du bist ganz weiß!“

Wie oft sagte sie das – um mir mit Speichel ihre Wangenspuren abzuwischen, unwirsch, als liege die Schuld bei mir, aber lachend wie vorher beim Rumrollen oder in der Kälte. Sie liebte Kälte; Wärme deprimierte sie. „Du bist ganz weiß!“ – und war ich nicht weiß? Ich sah die Streifen in ihrem Frisierspiegel, der an der Wand lehnte, aber diese unfreiwilligen Zeugnisse unserer Zudringlichkeiten waren mir noch nicht genug. Schlief sie tief genug, knabberte ich an der Stirn und den Wangen. Das Make-up war so oder so ruiniert.

„Harukos Gehirn ist wie eine Schale Reis“, lautete ein weiterer Satz, den meine Mutter regelmäßig sagte.

Es humpelte dann jedesmal eine empörte Stille durch die Familie. Wir aßen stumm auf. Vaters Mitgefühl galt, wie ich irgendwann verstand, nicht meiner schwachsinnigen Cousine. Es störte ihn, dass Mama den Reis beleidigte. Als er noch früh mit mir vorn auf dem Sattel durch die Felder ritt, die wir zu unseren Besitzungen rechneten, hatte er von den geheimen Kämpfen erzählt, die sich unter Wasser zwischen den zarten Stängeln der Reispflanzen abspielten. Götter und Dämonen stritten dort im Dunkeln um die Herrschaft über das Keimen des Reiskorns.

„Isst du Reis, prüfe vorher den Zustand des Lichts im Inneren der Körner. Das Heilige triumphiert mitunter knapp über das Diabolische. Es kommt vor, dass es unterliegt. Irritiert dich etwas – ein falscher Glanz, ein zu matschiger Schimmer auf der Oberfläche – wie bei Härchen, wenn du deinen Arm ins Sonnenlicht hältst, so – siehst du…?“ Er ließ mich los, um mir das Flimmern seiner Haare in den ersten kräftigen Morgenstrahlen zu demonstrieren, und ich schrie sofort Ja, aus Angst, vom Pferd zu fallen. „Wenn der Reis so ausschaut, lass ihn lieber stehen. Ein Bissen, und du bist vergiftet. Die Geister sind heimtückisch. Und sie wissen mehr über uns als wir über sie.“

Damit gab er dem Schimmel die Sporen, und wir schossen in einem Galopp über den Feldweg dahin, während der Griff des Vaters um meine Brust wieder fest wurde und ich dem Druck nachgab wie ein immer knochenloser werdendes Ding, das immer weniger an ein für die Senkrechte bestimmtes Lebewesen erinnert.

Onkel Yoshido war eigentlich das Oberhaupt der Familie. Aber neben Haruko, die meine Geschwister und ich „Pflanze“ nannten, hatte er nur einen kränkelnden Sohn, von dem niemand erwartete, dass er das Mannesalter erreichte. Tat er auch nicht. Der Onkel und Vater hatten sich darauf verständigt, mich zum Nachfolger zu machen. Zu meinem fünfzehnten Geburtstag wurde ich von Harukos Familie adoptiert.

Nach der Zeremonie herrschte Uneinigkeit, ob ich den neuen Eltern direkt in ihr Haus folgen sollte. Es lag drei Stunden entfernt. Gegen Abend sagte mir eine Dienerin, Onkel und Tante seien abgereist – ich lief zu Mama – sie ließ ihr Haar auskämmen, schien überrascht, mit ihrer Zofe in ein zärtliches Gespräch vertieft, dabei, die schwer übersehbare Müdigkeit ihrer Glieder unter dem gelösten Kimono zu genießen. Ich erklärte, dass man mich vergessen haben konnte. Sie wiegte den Kopf. Die Zofe kicherte. Mama schaute ihr Hüpfgesicht entgeistert an. Es wäre beschämend gewesen, mich jetzt an ihren Hals zu schmiegen. Es regnete. Unter dem verrutschten Kragen sah ich deutlich die Kante der Schminke.

„Ich weiß nicht, was dein Vater vorhatte“, sagte sie schließlich.

Ich hockte mich draußen auf die Veranda, wo die Feuchtigkeit die Zungenspitze küsste, wenn man sie weit herausstreckte. Hinter mir setzten die Frauen ihre Unterhaltung fort, flüsternd. Plötzlich – ich hatte an einer unanständigen Stelle gekratzt und zuckte zusammen – gellte eine Stimme durch eine Wand des gegenüberliegenden Flügels. Etwas kam im Garten aufgeflattert, es erschreckte mich zusätzlich.

„Was ist?“

Dachte sie, ich sei das gewesen?

„Ich weiß nicht”, rief ich. “Haru-chan schreit so, nachts, manchmal…“

„Ah, Haru-chan.“

Der Name schien sie zu beruhigen?

Beim ersten Mal, da meine Eltern mich und zwei meiner Schwestern im Stammhaus der Familie zurückgelassen hatten, war es gleich für mehrere Wochen gewesen. Die Schwestern weigerten sich, mit der blöden Cousine in einem Zimmer zu schlafen. Es gab auch genug, aber um ihr schlechtes Betragen zu überspielen, bat ich unsere Tante darum, die Nacht mit Haruko verbringen zu dürfen. Wir waren ungefähr gleich alt, meine Schwestern zwei Jahre jünger, damals eine Ewigkeit, weshalb der Wunsch nicht unnatürlich wirkte. Die Tante erkannte den wahren Grund dennoch. Sie dankte mir und drückte mir den gleichen weißen Gutenachtkuss auf die Wange wie der lallenden, mammelnden Tochter.

„Sie hat dich gar nicht wirklich geküsst”, zischte Haruko, nachdem die Schritte auf dem Korridor verhallt waren. “Nicht wirklich. Nicht wirk-lich!“

„Was meinst du damit?“

Es konnte sinnvoll sein, sie nach Bedeutungen zu fragen. Sie kannte lichte Momente.

„Was heißt: nicht wirklich?“ fragte ich wieder, weil keine Reaktion kam. „Nicht mit den Lippen?“

Sie gackerte.

„Nicht mit den Lippen?“

Ich ahnte, dass sie unter der Decke nickte.

„Sie hat sich an dir gerieben.“

„Stimmt“, sagte ich. „Was ist dabei?“

Sie gackerte immer schlimmer. Ich stand Angst aus, die Tante werde zurückkommen – konnte doch in dieser ersten Nacht noch nicht wissen, welchen Lärm die Familie von Haruko gewohnt war. Ich versuchte sie zu beschwichtigen, indem ich ihr tonlos, nur die Konsonanten, etwas vorsang.

„Gerieben!“ brüllte sie so, dass jeder im Haus aufhorchen musste. „Sie hat dich nicht geküsst, sie hat dich gerieben, ihre Wange – an dir – gerieben!“

„Ich will Liebe machen. Kannst du Liebe machen?“ sagte ich, und sie hielt augenblicklich den Mund.

An diesem Abend, da ich nicht wusste, wo ich hingehörte, war mir auch entgangen, dass mein Onkel und meine Tante, nun offiziell Vater und Mutter, ihre überzählige Tochter bei uns gelassen hatten.

Lebte Haruko also bei uns? Und für wie lange?

Und wie sollte ich von jetzt an meine leiblichen Eltern anreden?

Es kam vor, dass welche von den unsrigen sich verirrten. Einen meiner Brüder führten am Tag danach Bauern auf den Hof. Sie gehörten zu einem fremden Distrikt, und Vater ließ sie überreichlich bezahlen.

Mama wollte, dass man den Vermissten zu ihr brachte. Später hörte ich die beiden. Ein andernmal verschwand die älteste Schwester. Obwohl sie in ihren Kleidern kaum aus eigener Kraft zu gehen vermochte und im Haus auf dem Boden lag und mit ihrem Haar spielte den lieben langen Tag, verschlug es sie tief in den Wald. Auf ihrem Rücken liefen Striemen und Stiche, als man sie badete. Ich ging nach ihr ins Wasser. Es war schon früh. Um die Berge stand bis zu den schwarzen Spitzen dichter morgenfarbener Nebel. Mir wollten die Augen zufallen, ich zwang mich zum Wachbleiben. Ich masturbierte ins Badewasser. Wer von der Dienerschaft überhaupt Schlaf gefunden hatte, tauchte auf, und das Haus erfüllte binnen kurzem eine angenehme Geschäftigkeit. Ich habe diese Stunde immer geliebt. Später wurde mein Körper aus dem Lauwarmen gehoben, denn ich war doch eingeschlafen. Mehrere Hände trockneten ihn ab.

Dann der Tag, an dem ich selbst verloren ging.

Ich war sehr ängstlich, aber es glückte mir ganz selten, vorsichtig zu sein.

Ich war sehr ängstlich. Alle sagten das. Dieses Kind hat am meisten Angst, ließ meine Mutter gegenüber einer Besucherin fallen, während ich in der Nähe Puppen in einen Krieg führte. Was an meinem Spiel oder der Weise, wie ich mich bewegte, konnte sie zu der Bemerkung veranlasst haben? Es klang wie wenn die Angst ein Buckel wäre, einer von den Erbschäden, über die wir in letzter Zeit viel mitkriegten, und mir wuchs der größte, bergähnlichste in der Familie. Hier nun, inmitten der Sumpflandschaft, empfand ich Lust, mich auszuziehen und mit Rücken und Po in den Boden zu legen. Die Wolken zogen niedrig vorbei. Ihre wattigen Unterseiten schienen meinen Pimmel zu streicheln. Später, nachdem der Reiz verflogen war, musste ich weinen.

Sumpf ist schlecht. Aber etwas dem Sumpfigen nahe Verwandtes durfte durchaus gut sein. Mir war, als hätte einer unserer Hauslehrer mir den Unterschied anhand eines alten chinesischen Gedichts erklärt. Vom ersten Vers zum zweiten Vers änderte sich nur ein Zeichen. Und doch starb der im dritten Vers, wohingegen den im vierten etwas ungeheuer Behagliches aufnahm.

Dass sie mich fanden und heim brachten, ist mir nur aus Mamas Erzählungen bekannt. In der Phase, da sich ihr Zustand unwiderruflich verschlimmerte, kramte sie oft solche Anekdoten hervor, und aus Rücksicht wiesen wir sie nicht darauf hin, wenn sie eine zum Überdruss wiederholte. Die Geschichte, die mit den Worten anfing „Weißt du noch, wie wir dich da rausholen mussten und du schon bis über beide Brustwarzen drin stecktest“, zählte dazu. Im Haus hieß sie die Schlammbadgeschichte.

Ich erinnere: Tante Eriko, die Mama bis zu ihrem Ende pflegte, lächelte in meine Richtung, um mir anzuzeigen, dass ich nicken sollte, nicken und näher ans Krankenlager rücken, damit Mama meine Reaktionen mitbekam. Kann sogar sein, die Schlammbadgeschichte war das letzte Zusammenhängende, was sie von sich gab – mir klingen die Worte nicht mehr im Ohr, ich sehe nur Tante Erikos Lächeln und spüre mein Nicken, den Reflex meines Nickens zwischen den Nackenwirbeln. Mama hörte eher auf, als dass sie starb. Die unzähligen Male, da mein nackter, offenbar bewusstloser Körper aus jenem unwirklich weichen Fleck unseres Grund und Bodens geborgen wurde: sie sind für mich wie ölige Wische beim Abschminken ihres Gesichts.

Nach Mamas Tod zerrten sie Vater vor Gericht, weil er ein junges Mädchen vergewaltigt hatte, das, wie sich herausstellte, nicht zu unserem Hausgesinde gehörte. Sie war nur zu Besuch gewesen, die Nichte oder Großnichte einer Dienerin. Sie lebte in der Stadt. Außer einer Reise mit drei, von der sie kaum Großes mitbekommen haben konnte, war es ihr erster Ausflug in die Provinz gewesen. Mein ältester Cousin zeigte mir einen Zeitungsartikel, der über den Prozess berichtete. Er las vor wegen der vielen Zeichen, die ich nicht kannte.

Ein Tag folgte dem andern.

Ausgerechnet Vater – in einer der Monate langen Pausen, die den Prozess in die Länge zogen – fing an mit den Waffen zu spielen. Er tat es aus Langeweile, vor unsern Augen – ich glaube nicht, dass er einen von uns wahrgenommen hatte. Mein Bruder (derjenige, der mir vom Alter so nahe war, als ob er sich jeden Augenblick in meinen Zwilling verwandeln konnte) stieß meine Schulter an. Kurz darauf löste sich ein Schuss. Die Kugel schlug in einen Pfeiler ein, zwei oder drei Armlängen von uns entfernt. Vaters dicke Lider hingen so träge über den Augäpfeln – seinen gelben Augäpfeln –, er hätte ebenso gut schlafen können.

„Tatsächlich“ oder etwas in der Art murmelte er. Darauf warf seine Hand das Gewehr auf den Boden und angelte ein anderes von seinem Haken. Er legte auf die Tür an, hielt eine Weile in der Stellung aus, als warte er, dass jemand hereinkam, schwenkte zielend durch das dämmrige Zimmer, brummte, suchte auf den Matten, in den grünen Ritzen, fuhr entlang der Ritzen auf und ab, bis er meine Zehen anvisierte.

„Tatsächlich!“ platzte es aus ihm heraus. Einen Augenblick dachte ich, er werde abdrücken. Tatsächlich stellte ich mir vor, wie es sein würde, wenn das Geschoss mir einen der eigenartigen Auswüchse menschlicher Füße zerfetzte. Wie da, wo jetzt der krumme eingekerbte Nagel stand, ein pulverschwarzes Loch klaffte, eine Zahnlücke am falschen Ende. Ich musste fürchterlich lachen. Mein Vater erschrak. Mein Bruder erschrak auch, er lief aus dem Zimmer. Als Vater sich wieder beruhigt hatte, feuerte er aus dem Fenster.

Nachdem unser Bruder unsere kleine Schwester mit einer der Flinten erschossen hatte, reiste eigens der Onkel an, um Vater Vorwürfe zu machen. Die Nachricht von den Spielereien mochte zu ihm gedrungen sein, oder er fand, dass ein Mann, dessen Kinder einander versehentlich umbrachten, seine Pflichten als Familienoberhaupt vernachlässigte. Vater hörte mit gesenktem Haupt dem Donnerwetter zu, das über ihn hereinbrach. Durch einen Spalt erkannte ich, wie er zur Seite schielte, weder furchtsam noch erzürnt, eher jemandem ähnlich, der zur Unzeit Hunger hat. Mama zog mich von dort weg. Sie schimpfte, erst scherzhaft, dann immer ernster und ernster, bis ich sie in den Hals zu beißen versuchte. Aber ihr Hals war wie Luft.

Mir ist entfallen, ob Haruko damals wieder bei uns wohnte – oder ob sie nur zu Besuch war, mit dem Onkel in seiner Sänfte gekommen, und wochenlang blieb. Eine blöde Bemerkung von ihr über die Toten geht dagegen nicht weg. Ich hatte ihr Gesicht und ihren Arm über und über mit Mamas Schminke eingerieben, so fest, dass die Haut zwischen den löchrigen weißen Streifen richtig glühte. An einer Stelle kratzte ich und hörte nicht auf, ehe sie nach mir trat, weil der Druck der weißen Fettröllchen unter den Fingernägeln ein so unglaubliches Kribbeln verursachte. Wohl um sich zu rächen – sie zischte den Namen derjenigen, die morgens eingeäschert worden war, weil sie wusste, dass mich das lähmte. Und Mamas Kosenamen unter den Onkeln und Tanten, wie wenn sie eine weitere Schwester wäre. Dieser Kosename hing mit etwas zusammen, das Mama als junges Mädchen getan hatte. „Was denn?“ brüllte ich, als Haruko ihr Schweigen zu lange auskostete. Ich packte sie beim Haar und knallte ihren Hinterkopf auf die Holzschiene der Schiebetüren. Oft.

„Halt mal an“, sagte sie. „Sonst kann ich nichts sa-gen.“

Nachdem ich losgelassen hatte, drückte sie ihre Zähne in meine Hand. Es tat weh, aber ich ließ sie gewähren. In einem entfernten Trakt des Gebäudes spielte jemand schlecht auf der Shamisen. Die Tochter eines Stallknechtes nahm bei einer Frau aus dem Dorf Unterricht. Viele lernten nebenbei etwas, es war geradezu eine Mode.

Dann, als ich abgelenkt war, sagte Haruko das über die Asche, was ich ihr nie wieder verzieh. Seither quäle ich sie, so schlimm ich kann, aber es nervt, ihr jedes Mal den Grund dafür zu erklären.

„Wa-rum denn, warum denn, warum machst du das?“ – Ihr ewiges Geleier.

„Um deine Gebärmutter auf Mamas Altar zu legen. Gib her.“

Aus unbekanntem Grund (oder der Grund war selbstverständlich mein Vergessen – trotzdem, so schnell…) befand ich mich sehr weit oben, als der Schneesturm tobte. So weit oben war es wahrhaftiges Toben. Die violetten Schwaden fegten über die Dächer. Nachts Schnee strahlte auf eine Art, wie ich mir Außerirdische dachte, zugleich dunkler und heller als das Bekannte. Ich duckte meinen Leib zusammen. Die Decke, die sie mir mitgegeben hatten, reichte bis übers Gesicht, man hätte sie auch ganz zuziehen können, doch ich wollte es auf den Wangen und Lippen. Ich wollte die Maske. Dass ich nicht Mut genug besessen hatte, nackt zu kommen, ärgerte mich. Wegen der Kälte? Das wollte mir lächerlich scheinen.

Meine Finger wurden steif.

Eine vornehme Art, den Nacken beim Senken des Kopfes zu strecken. Wie oft haben wir das zusammen geübt, an Herbstnachmittagen. „Wie das Blatt dort, siehst du – segeln“, sagte Mama. Wie die Schlangen haben wir uns gewunden vor Lachen.

Der Onkel sollte zum Gouverneur ernannt werden. Es hatte wieder angefangen zu schneien. Alle konnten es nicht abwarten, dass ein Bote mit der Urkunde eintraf. Wir brachen nach dem Frühstück auf (Mama frühstückte gern spät, und eine Zofe schnitt ihr die Zehennägel, wobei ich zusehen und die versprengten Sicheln einsammeln durfte) und gerieten in übles Schneetreiben. Das Schaukeln. Die Wärme des Kohleöfchens, die unter den Schößen meiner Yukata hochkroch, versetzte meinen Oberkörper in eine Art Halbschlaf, weshalb mir mehr oder weniger entging, was mit einigen Geschwistern passierte. Meine nächstjüngere Schwester peitschte ihre Zimmergefährtin oft mit einem Reifen zum Spielen; es schien, diesmal hatte sie es zu weit getrieben.

Die Reise war ein einziges Durcheinander, und die Dunkelheit – bei Einbruch des Dunkels mussten wir an einem Gasthaus halten, das am westlichen Hang lag, was bedeutete, dass die Träger den Weg verfehlt hatten. Vater schäumte vor Wut, er ließ sich heißen Sake bringen; er fegte sein Essen vom Tisch.

Mama fragte mich, ob ich mit ihr baden wollte. In der Herberge nebenan gab es eine heiße Quelle. Ich überholte ihre Frage geradezu mit meinem Ja, erleichtert, der übellaunigen Gesellschaft unseres Vaters zu entkommen, suchte die Treppe, die abwärts führte, zog mich aus und wartete ab, die Füße im Wasser, den Rücken den tanzenden Schneeflocken hinstreckend, die von der offenen Talseite hereingeweht kamen.

Als Mama nicht kam, tauchte ich einmal kurz unter, weil die Kälte unerträglich wurde. Wenn er betrunken war, sagte Vater Dinge wie: „Der Kaiser ist ein Arschficker.“ Er beleidigte alle Lebenden. Auf einem Bankett hatte er eine Schale mit Reis gegriffen, sich neben den Tisch gehockt und einen Haufen Kacke darauf gedrückt. Und er hatte etwas gebrüllt, was damals niemand verstand, wodurch rätselhaft blieb, welchen Zweck er mit der Ungeheuerlichkeit verfolgte. Vaters Feinde wussten manchmal nicht warum, seine Freunde ebenso wenig. Was die Familie anging, hielt er sich an die Regeln, vor allem nach dem Missgeschick mit dem Gewehr. Der Onkel nannte es „Missgeschick“, als er uns Kindern die Sache erklärte. Es war wohl Sitte, dass einer solchen Erschütterung eine offizielle Erklärung von oben folgte, sogar eigens für die Kleinen und Blöden. Der Onkel rezitierte ein Gedicht, das, sagte er, von unserer Tante stammte. Es begann: Ein Tannenzweig, von Schnee bedeckt. Der Baum, aus dem ein Vogel aufschießt.

Ein anderes Mal, beim Baden, schaffte Mamas Geist es doch bis zu mir.

Es gab Gerüchte. Unser Leben bestand aus Gerüchten. Jahre später, als ich zum ersten Mal mit eigenen Augen eine gedruckte Zeitung las, war mir, als habe jemand all die vagen Nachreden aufgeschrieben, und infolge eines Missverständnisses hielten die Menschen in den Städten sie für eine zusammenhängende Wahrheit. Ich begriff schwer, was für die Menschen in den großen Städten Ketten von Gedanken ergeben konnte. Sie behaupteten, die unerträglichen Kopfschmerzen, die mir den Schlaf raubten, hingen mit etwas zusammen. Der Tod meiner ältesten Schwester und meines Bruders hingen damit zusammen. Der frühe Tod meines Onkels, der Selbstmord gewesen sein mochte oder auch ein dummer Unglücksfall, der ihn traf, ehe er dazu kam, sich wie geplant das Leben zu nehmen. Harukos Demenz und die Flecken auf der Haut ihrer Schwester Irie, die so groß wurden, dass die Tante einem Arzt befahl, sie herauszuschneiden, auch wenn danach entsetzliche Narben den ganzen Körper entstellten. Wir waren nicht die einzigen, hieß es. Es gab viele – es hatte schon lange Gerüchte gegeben, und dann fand ich es wie jeder andere in der Stadt in der Zeitung. Sie hatten eine zusammenhängende Erklärung dafür.

An einem der klaren Abende, an denen Mama mir fehlte, debattierte ich darüber, was für unsere Familiengeschichte von Bedeutung gewesen war, was nicht. Es stellte sich überraschend heraus, dass das Meiste nicht von Bedeutung gewesen war. Das schwere Beben. Die Rückkehr Seiner Majestät an die Spitze des Reiches. Die Ankunft der fremden Schiffe. Die neuen Geräte aus Stahl oder Silber. Die Ersetzung des Lichts. Nur die Sturheit unseres Onkels war von Bedeutung gewesen.

In einem Brief des Bruders, der jetzt auch in der Stadt wohnte, tauchten zwei Zeichen auf, deren Sinn, wie er erläuterte, Bekehrung war. Er schrieb einen langen Absatz darüber. Er lebte mit einem Mann aus Europa zusammen, einem Gelehrten, und sie schienen viel über neue Wörter und solche Dinge zu reden. Am Ende stand eine Einladung: er versprach mir, mich ins Theater auszuführen, und wir würden zu zweit ein Kleid einkaufen gehen, das Mama gefallen hätte. Ich verstand nicht, was das sollte; es ging offenbar darum, mir eine Freude zu machen. Ich sagte, in einem sehr bestimmten Tonfall, den ich unbedingt probieren wollte, der Onkel – und durch ihn die ganze Familie – sei unbekehrbar.

Die Reise in die Hauptstadt wurde mir verboten. Die Wege seien zu gefährlich, hieß es. Die Regenzeit dauerte bis weit in den Juli hinein. Die Stadt sei zu groß.

Pflichten zu erfüllen, dazu sei er bereit, ja. Aber er lasse sich nicht vor den Karren einer Aufgabe spannen.

Onkel Yoshido starb im Jahr 23. Zwei seiner engsten Vertrauten nahmen sich freiwillig das Leben. Sie verbrannten sie mit seiner Leiche.

Ich galt für ungefähr sechzehn. Die Tante und ihre Dienerinnen taten, was sie konnten, um mich wie einen Mann zu kleiden. Mit einer von den Dienerinnen kam es zu einem Malheur, und ich erahnte meinen Status daran, dass das behandelt wurde wie gar nichts. Mir gefiel es, in dem weitläufigen Haus umherzugehen, dessen größten Teil ich bisher nicht betreten hatte. Endlose Spaziergänge führten mich über sirrende Dielen. Wer mir begegnete, wurde geküsst oder zu Boden gezerrt, oder ich fragte, wie die täglichen Geschäfte liefen. Alle arbeiteten ja an etwas. Ein Knabe zeigte Netze vor – Fischernetze, obwohl das Meer eine halbe Tagesreise entfernt lag. Seine zarten Finger ergaben keinen Sinn neben dem rauen Taugestrüpp, das ekelerregend nach Salz stank. Ich ließ mir mehrfach seinen Namen sagen, bis ich ihn behielt. Er hatte etwas zu Schlankes. Ich ließ ihn mit Fischen schlagen. Als ich anordnete, ihn hinzurichten, weil er ein Spion war, leisteten die andren Widerstand. Ein Ältester setzte mir auseinander, warum das nicht ging. Er klang fast wie mein Onkel. Er weigerte sich, den Jungen nochmals zu mir zu rufen. Es war eine unschöne Szene für alle Beteiligten. Ich sah weder den Jungen noch ihn jemals wieder.

Die zerrissene Haut des…des…

Wie kann ein Mann, ein junger Mann, sich dazu entschließen, ein Reich zu regieren? Ich weiß – es gibt diesen Tag gar nicht, an dem er das tut. Er erbt das Amt. Hätte meine Familie mir eine Ausbildung angedeihen lassen, es wäre ihr Ziel gewesen, mich mit den Pflichten vertraut zu machen, von denen längst feststand, dass sie mir mit dem Tod des Onkels zufallen würden. Statt uns die Namen der Ahnen und ihre Taten auswendig lernen zu machen, übten die Lehrer zum Gähnen langsame Tänze. Einer konnte schlecht und recht mit dem Pinsel umgehen. Die sechs oder sieben Hauslehrer meiner Kindheit – sie schienen nicht zu wissen, was sie Kindern wie mir beibringen sollten. Einer war fortwährend erkältet.

Ich will jetzt regieren. Am nächsten Nachmittag, da gerade Tee serviert wurde, sagte ich den Satz.

Schwache Reaktionen. Und noch einmal. Wer zu nahe dran saß, gab vor, er habe nichts gehört.

„Ich will jetzt…!“

Ein Erahnen trat auf die Gesichter zweier Damen. Sie kicherten. Ein Professor, der für irgendwelche Untersuchungen im Haus zu Gast war, dozierte, die Blätter müssten sich frei in der Teeschale bewegen. Er zeigte mir seine. Der Tee war gelb.

Ich konnte weder für mich noch für andere etwas tun.

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